Wie Lieferantenentwicklung verhindert wird

Vor kurzem zeigte mir einer meiner Kunden einen Brief, den er von einem seiner Kunden erhalten hat. Das zweiseitige Schreiben wurde von einer großen deutschen Unternehmensgruppe an all seine Lieferanten verschickt. Auf der ersten Seite wurde die strategische Ausrichtung des Einkaufs in blumigen Worten beschrieben – man wolle den Lieferantenstamm reduzieren und dafür die Zusammenarbeit optimieren – soweit so gut.

Dann kam jedoch die Seite zwei. Hier wurde darauf hingewiesen, dass jene Lieferanten die von der optimierten Zusammenarbeit profitieren wollen, den folgenden zwei Bedingungen zuzustimmen haben:

Bedingung 1: 9 % Rabatt auf alle Lieferungen in diese Firmengruppe, rückwirkend bis Januar 2011
(das Schreiben erhielten die Lieferanten im Juni 2012 => 18 Monate!!!).

Bedingung 2: Verlängerung des Zahlungsziels um 10 Tage.

Diese Firmengruppe fordert selbstverständlich von seinen Lieferanten mindestens eine Zertifizierung nach ISO 9001. Mit den zwei vorstehenden Forderungen wird der Ruf nach Qualität in meinen Augen ad absurdum geführt.

In der ISO 9000 finden wir unter Abschnitt 0.2 h) „Lieferantenbeziehungen zum gegenseitigen Nutzen“  folgenden Hinweis: „Eine Organisation und ihre Lieferanten sind voneinander abhängig. Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen erhöhen die Wertschöpfungsfähigkeit beider Seiten.

Was verspricht sich eine Unternehmensgruppe davon, wenn sie ihren Lieferanten in einem unpersönlichem Anschreiben die Pistole auf die Brust setzt? Klar: Kosteneinsparungen!!! Vielleicht will ein neuer Chefeinkäufer auch nur zeigen wie toll er ist oder es gab Stress auf der letzten Hauptversammlung der Aktionäre oder jemand ergreift verzweifelte Maßnahmen um seine persönlichen Ziele (Kennzahlen) zu erreichen.

Ich kann nur hoffen, dass die angeschriebenen Lieferanten nicht blind zustimmen werden und eine faire Verhandlung mit dieser Unternehmensgruppe einfordern. Natürlich kann man Rabatt gewähren, wenn ein höherer Umsatz garantiert wird – aber nicht rückwirkend!

Interessanter finde ich jedoch die möglichen Auswirkungen für die Unternehmensgruppe, wenn die Lieferanten auf die zwei Bedingungen eingehen würden. Der verantwortliche Einkäufer würde nach wenigen Monaten erfolgreich befördert werden und sein Nachfolger hätte dann ein massives Problem! Warum? Die Lieferanten würden versuchen die verlorenen 9 % irgendwie zurückzugewinnen. Vielleicht würde an der Materialqualität gespart, gegebenenfalls könnten qualitätssichernde Maßnahmen zurückgefahren werden oder es würde an Ecken gespart, deren Auswirkungen nicht unmittelbar erkennbar sind. Nehmen wir an, der Lieferant spart an Wartung und Instandhaltung, dann könnte dem Kunden zum Beispiel ein Bandstillstand drohen, weil beim Lieferanten „ganz unerwartet“ Maschinen ausfallen. Viele weitere Fälle und Konsequenzen sind denkbar.

In den letzten Monaten habe ich vielen meiner Kunden von diesem Anschreiben erzählt. Als Reaktion habe ich leider viele ähnliche Geschichten zu Ohren bekommen – ich könnte inzwischen einen kleinen Roman zu diesem Thema schreiben. Demnach ist der unfaire Umgang mit Lieferanten inzwischen „normal“. Das zeugt in meinen Augen von kurzfristigem Gewinndenken! Wie soll denn ein (klein-) mittelständisches Unternehmen in Innovation oder in die Qualifikation seiner Mitarbeiter investieren, wenn die notwendige Rendite durch solche Geschäftsgebaren gnadenlos zerstört wird?

Ich wünsche allen Unternehmen den Mut, sich gegen unternehmensschädigende Anforderungen zur Wehr zu setzen. Ich appelliere an die Vernunft der Einkäufer und Unternehmensstrategen, die langfristigen Auswirkungen ihrer Entscheidungen zu berücksichtigen. Denn letztendlich hat die ISO 9000 Recht: „Eine Organisation und ihre Lieferanten sind voneinander abhängig. Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen erhöhen die Wertschöpfungsfähigkeit beider Seiten.

Anmerkung: Dieser Artikel ist in der Ausgabe Oktober 2012 der Industrial Quality erschienen.