Normflut für Managementsysteme

Aktuell erfindet jede Branche das Rad neu. Die Unternehmen werden durch Ihre Kunden gezwungen, branchenspezifische Normen umzusetzen. Die Zertifizierungsgesellschaften und auch viele Berater freuen sich: Der Rubel rollt! Ich habe die Befürchtung, dass der Schuss nach hinten losgeht, da die Akzeptanz und die Sinnhaftigkeit der Managementsysteme in der Zertifizierungsflut untergehen!!!

Schauen wir uns einige Beispiele an:

  1. Sie liefern Medizinprodukte, also haben Sie in der Regel ein QM-System nach ISO 9001 und zudem einen Branchenstandard mit der netten Nummer ISO 13485. Wenn man die ISO 13485 betrachtet, so findet man 90% (wenn nicht sogar mehr) der Anforderungen aus der ISO 9001 wieder.
  2. Sie haben eine Druckerei und Ihr Kunde fordert ein FSC Umweltsiegel. Sie haben vielleicht bereits ein QM-System nach ISO 9001 und ein Umweltmanagementsystem nach ISO 14001. Viele der Forderungen der Grundstandards werden im FSC Zertifizierungsverfahren wiederholt.
  3. Betrachten wir ein Unternehmen, das in verschiedene Branchen liefert (Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt und Bahnindustrie). Natürlich verfügt
    es über die Grundnormen für Qualität (ISO 9001), Umwelt (ISO 14001) und Arbeits- und Gesundheitsschutz (OHSAS 18001 oder SCC). Für die Automobilisten muss die ISO TS 16949 her, für die Bahn die IRIS-Zertifizierung und für die Luft- und Raumfahrt die TL 9100. Ggf. fordert ein Kunde auch noch den Nachweis eines Ethikcodes oder ähnliches. Jede dieser Normen verursacht Aufwand, Zertifizierungskosten, Beratungskosten, Audittage (40 Audittage pro Jahr sind leider keine Seltenheit in mittelgroßen Unternehmen und jeder Auditor hat andere Vorlieben, von den Kundenaudits/-anforderungen mal ganz zu schweigen).

Wo soll das hinführen? Ein Kunde von mir hat sogar eine Stelle geschaffen, die sich nur um die Organisation der externen Audits kümmert. Das kann nicht im
Sinne des Erfinders sein!

Es gibt jedoch auch vernünftige Ansätze. Die Automobilindustrie hat einen akzeptablen Ansatz. In der ISO TS 16949 wird das Rad nicht neue erfunden, sondern die ISO 9001 wird um sinnvolle Forderungen (an einigen Stellen könnte man über das Wort „sinnvoll“ streiten) ergänzt. – Es bleibt jedoch immer noch der Zertifizierungsaufwand und die unterschiedlichen Kundenvorstellungen!

Die meisten Branchenstandards bauen jedoch leider nicht auf den drei Grundnormen auf. Würde es bei einer FSC Zertifizierung nicht reichen, wenn ein Auditor vor Ort prüft, ob die Logistikkette der Holzprodukte lückenlos und umweltschonend geschlossen ist? Stattdessen will er etwas von FSC im Unternehmensleitbild lesen, Schulungsnachweise der Mitarbeiter zum Thema FSC sehen und interne Auditchecklisten zum FSC plus FSC KVP Maßnahmen sehen …

Endkunden müssen sich nicht wundern, wenn Produkte immer teurer werden, denn diese Kosten (wir reden nicht über Peanuts) müssen ja irgendwie getragen werden, auch von Kleinunternehmen!

Meine Sorge ist jedoch eine Andere:
Ich habe als Berater schlechte Karten über die Zweckmäßigkeit von Qualitätsmanagement zu reden, wenn mein Kunde nur noch daran interessiert ist den Zertifizierungswahn irgendwie zu überstehen.