Automotive dreht am Rad

Wer trägt die Schuld an Qualitätsproblemen in der Automobilindustrie?

Die Fahrzeughersteller, deren Lieferanten oder die Zertifizierungsauditoren?

Für die IATF (International Automotive Task Force) scheint der Fall klar zu sein: Die Auditoren sind bei den Zertifizierungsaudits zu lasch. Scheinbar bedarf es strengerer Regeln und mehr Überwachung. Hierdurch wird der Zeitaufwand für ISO/TS 16949 Audits steigen (zusätzliche Dokumentationsprüfung vor Ort, Vollaudits in Spät- und Nachtschichten, …).

Wohin soll das führen? Welcher (Un-)Sinn steckt dahinter?

Fakt ist, dass ISO/TS 16949 zertifizierte Unternehmen weiterhin (teilweise sogar vermehrt) zusätzlich von ihren Kunden auditiert werden. Warum betreiben die Hersteller den Aufwand, wenn die Lieferanten alle zertifiziert sind? Sind die Zertifizierungsaudits durch die akkreditierten Zertifizierungsgesellschaften nicht gut genug? Brauchen wir überhaupt noch die Zertifizierungsaudits?

Insbesondere die letzte Frage nach dem Sinn einer ISO/TS 16949 Zertifizierung ist böse und dürfte die Vertreter der IATF in Panik versetzten. Und unter Panik werden bekanntlich Fehler gemacht. In meinen Augen ist es ein großer Fehler, die Akkreditierungs- und Zertifizierungsregeln weiter zu straffen (z.B. sollen Auditoren sich Übernachtungsbelege vom Lieferanten quittieren lassen, um nachzuweisen, dass man auch über den gesamten Zeitraum vor Ort war; wenn die Auditoren nicht mindestens x Abweichungen aufgeschrieben werden, drohen Witness-Audit, deren Anzahl bereits generell gestiegen ist; …).

Die Aktuelle Gangart der IATF könnte folgende Auswirkungen haben:

  • Lieferanten wollen nicht noch mehr Geld in Zertifizierungsaudits investieren.
  • Die größeren Zertifizierungsstellen können ggf. Kosten umverteilen und erst mal den Preis relativ stabil halten.
  • Kleinere Zertifizierungsgesellschaften können sich die ISO/TS 16949 nicht mehr leisten.
  • Die wenigen verbleibenden Zertifizierungsgesellschaften können die Preise nun drastisch anheben.
  • Auf dem Weg dahin werden viele Lieferanten die höheren Anforderungen nicht mehr erfüllen können und das Zertifikat verlieren.
  • Übrig bleibt eine ISO/TS 16949 „Elite“ von Lieferanten und Zertifizierungsgesellschaften.
  • Die Hersteller werden weiterhin Teile von nicht-zertifizierten Unternehmen brauchen und kaufen. Hierbei werden die feststellen, dass diese nicht schlechter sind, als Lieferungen der sogenannte „Elite“.
  • Eine Norm hat es geschafft sich selbst zu besiegen.

Ich bin kein Gegner von Normwerken wie der ISO/TS16949 (inkl. VDA Bände und QS9000 Bücher)! Allerdings sollte die Zertifizierung nicht wichtiger gesehen werden als sie sein kann. Ob ein Unternehmen innovativ, flexibel, zuverlässig und kostengünstig ist, hängt sicherlich nicht von einer Zertifizierung ab. Immer schärfer formulierte Anforderungen werden daran nichts ändern. Letztendlich muss der Hersteller sich auf seine Lieferanten verlassen können. Hierzu kann ein Lieferantenbesuch bzw. Lieferantenaudit wesentlich nutzbringender sein, als auf vorhandene Zertifikate zu schauen.

Ich stelle das Thema „Zertifizierung“ nicht generell in Frage. Allerdings stört mich der aktuelle Trend, dass jede Branche mit neuen und stets schärferen Anforderungen die Lieferanten belastet. Vielmehr sollten die Hersteller darüber nachdenken, ob nicht andere Faktoren zu den vorhandenen Qualitätsproblemen beitragen (Preisdruck, Zeitdruck, mangelhafte Kommunikation, unfairer Preisvergleich, Web betting, …).

Will ein Hersteller seine Qualitätsprobleme ernsthaft in den Griff bekommen, so helfen nur offene Kommunikation und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Lieferanten.

Anmerkung: Dieser Artikel ist in der Ausgabe März 2014 der Industrial Quality erschienen.